01.11.2015

Opioide in Brunnenwasser

Nachweis erbracht: Tramadol in Kameruner Pflanzen und Umwelt ist anthropogen

Tramadol, ein opioider, synthetischer Inhaltsstoff des Schmerzmittels Tramal, wurde 2013 überraschenderweise als natürlicher Inhaltsstoff von Sarcocephalus latifolia identifiziert, einer Kameruner Baumart. Wissenschaftler aus Deutschland und Kamerun widerlegen dies jetzt in der Zeitschrift Angewandte Chemie.
 
Z.B. durch Bestimmung des C-14-Gehalts bestätigen sie eindeutig, dass es sich bei dem vermeintlich pflanzlichen Tramadol um Kontaminationen aufgrund nicht bestimmungsmäßiger Anwendung des Medikaments handelt. Ernsthafte gesundheitliche und Umweltprobleme könnten die Folge sein.
 
In Nordkamerun wird Tramadol weniger als Schmerzmittel oder Antidepressivum angewendet, sondern als „Doping“ für Mensch und Tier gegen die große Hitze oberhalb 40 °C in der Trockenzeit. Kontaminierte Boden- und Wasserproben waren also nicht verwunderlich. Oder stammt Tramadol doch aus Bäumen? Das Team um Michael Spiteller hat diese Frage jetzt abschließend geklärt. Mit der sonst zur Altersbestimmung herangezogenen Radiocarbonmethode bewiesen die Forscher, dass das Tramadol in der Kameruner Umwelt synthetischen Ursprungs ist. Hintergrund: Wäre das Tramadol kürzlich von einer Pflanze hergestellt worden, müsste es den aktuellen Gehalt unserer Atmosphäre an C-14-Isotopen widerspiegeln. Industrielle organische Moleküle, die aus Erdöl-basierten Vorstufen hergestellt werden, enthalten keine C-14-Isotope, da diese längst zerfallen sind. Das Tramadol aus den untersuchten Umweltproben zeigte sich frei von C-14 und ist damit eindeutig synthetisch. Ein weiteres Indiz war, dass Sarcocephalus-latifolius-Pflanzen, die die Forscher aus Samen einer botanischen Sammlung heranzogen, keinerlei Tramadol enthielten. Wurden sie in tramadolhaltigem Wasser aufgezogen, nahmen die Pflanzen den Wirkstoff zwar auf, ohne ihn aber weiter zu metabolisieren.
 
Um die Persistenz von Tramadol in der Umwelt und das Ausmaß seines Missbrauchs zu beurteilen, untersuchten Spiteller und seine Kollegen von der TU Dortmund und der University of Maroua (Kamerun) in verschiedenen Regionen Kameruns den Tramadol-Gehalt von Böden, Grund-, Oberflächen- und Brunnenwasser sowie von S. latifolius. Dabei zeigten sich teilweise besorgniserregend hohe Kontaminationen, auch in anderen Pflanzen als S. latifolia. In öffentlichen Brunnen wurden hohe Konzentrationen von Tramadol sowie ein hochwirksames Metabolit gefunden. „Besonders hohe Kontaminationen fanden wir bei niedrigem Wasserstand in der Trockenzeit in einem Flussbett in der Innenstadt von Maroua in Nordkamerun,” so Spiteller. „einem Ort, an dem sich viele Obdachlose aufhalten, die belastetes Wasser als Trinkwasser nutzen.“
 
„Nachdem nun der eindeutige Beweis erbracht ist, dass die Umwelt in Kamerun erheblich mit synthetischem Tramadol belastet ist, müssen dringende Maßnahmen ergriffen werden, um den nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch von Tramadol einzuschränken,“ fordert Spiteller. Hierzu sei es notwendig, den Straßenverkauf von rezeptpflichtigen Medikamenten zu verbieten. „Zudem sollte erforscht werden, welche Langzeitwirkungen Tramadol in Menschen, Tieren und der Umwelt verursacht.“
 
Permalink to the original article:
http://dx.doi.org/10.1002/ange.201508646
 
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